Unter Makrotiming verstehe ich das langfristige Planen und Timen von Aktienkäufen- und Verkäufen. Viele lassen sich hierbei von Konjunkturprognosen leiten. Dass ich davon nichts halte, erklärte ich schon in meinem 4. Investmentgebot:

,,4. Ignoriere Konjunkturprognosen

Konjunkturprognosen sind genauso wissenschaftlich wie Genderstudies und Alchemie. Jeden Tag liest man was anderes in den bekannten Wirtschaftsportalen und alle Prognosen widersprechen sich. Niemand kennt die Zukunft und sie aus der Vergangenheit abzuleiten ist ein Trugschluss (Hot-Hand-Trugschluss genannt). Wenn überhaupt gibt es eine negative Korrelation zu den Prognosen, denn oft tritt das Gegenteil von dem ein, was prophezeit wird, aber darauf kann man sich auch nicht verlassen. Was folgt daraus? Kaufe eine Aktie unabhängig von jeglichen Prognosen, wenn du sie analysiert hast und als gut erachtet hast.

Es kann z. B. Sinn machen alle drei Monate für 500 Euro eine Aktie ins Depot zu legen, wenn du es schrittweise aufbauen möchtest.“

Viele haben mich wegen diesem Gebot angeschrieben, weshalb ich es im Folgenden genauer erklären werde, im Anschluss daran gebe ich außerdem konkrete Handlungsempfehlungen für ein gutes Börsentiming.

Der Prognoseexperte Philip E. Tedlock befragte vor einigen Jahren haufenweise ökonomische Experten und bat diese Prognosen zur Wirtschaft abzugeben. Als er diese einige Jahre später auswertete, stellte er fest, dass sie nahezu alle komplett falsch lagen. Seine Ergebnisse schrieb er in dem lesenswerten Buch ,,Superforecasting“ nieder und sein schmetterndes Fazit lautete:

“Je bekannter ein Experte ist, umso schlechter sind seine Prognosen. Das liegt nicht daran, dass die Verantwortlichen der Fernsehsender nach schlechten Prognostikern suchen. Aber beseelt von ihrem einen großen Gedanken, erzählen sie eben die einfachen und klaren Geschichten, wie sie die Medien lieben. Vor allem aber strotzen sie vor Selbstbewusstsein.“

Auch im deutschen Raum haben wir hierfür zwei Beispiele von Wirtschafts-Koryphäen, die in den Medien omnipräsent sind. Beide haben Millionen eingesammelt und einen Aktienfond eingerichtet, der extrem schlecht performt. Ein weiteres Beispiel ist der Börsenexperte Jim Rogers, dessen Bücher vor einigen Jahren immer dazu geraten haben, den Großteil eines Vermögens in Rohstoffe zu investieren. Hätte ich drauf gehört, wäre ich bei den konstant schwächelnden Rohstoffpreisen heute wohl pleite.

Die Zukunft ist und bleibt ungewiss. Dies belegt euch Nassim Nicholas Taleb in seinem schönen Buch ,,der schwarze Schwan“. Hier drin stellt er völlig unvorhersehbare Ereignisse vor, die extrem verändernd wirken. Diese nennt er einen schwarzen Schwan. Ein Beispiel par excellence für so einen schwarzen Schwan wäre der 11. September, nachdem die Aktienkurse erst mal stark gefallen sind, während der Goldpreis stark stieg. Niemand (außer ggf. der saudi-arabische Geheimdienst) konnte dieses Ereignis vorhersehen. Ähnlich verhielt es sich mit der Finanzkrise 2008/2009.

Wie geht der schlaue Anleger also mit der konstanten Unsicherheit um?

Ein Weg ist die sogenannte Sell in Summer Strategie. Bei der Kauft ihr Aktien und ETFs im Oktober und verkauft diese Anfang Juli des nächsten Jahres, denn in den meisten Jahren steigen die Aktien zwischen Oktober und Juli und danach fallen sie für gewöhnlich. Der August ist oft sogar der schlechteste Börsenmonat im Jahr. Ein Grund hierfür ist die Urlaubszeit im Sommer, bei der viele Anleger die Börse links liegen lassen, was die Nachfrage nach Aktien senkt. Als Fazit von über 12 Jahren Börsenhandel ist dies das einzige oft hinkommende konjunkturelle Muster, was ich bisher gefunden habe, weshalb ich es empfehle, obwohl es natürlich auch hier immer Jahre gibt, wo das Muster nicht hinkommt und die Ausnahme die Regel bestätigt.

Eine weitere Idee ist es, nach einer großen Börsenkrise einzusteigen. Hierbei muss allerdings der Punkt getroffen werden, bei dem die Aktien wieder steigen. Wer nach den meisten großen Krisen des 20. Jahrhunderts (z. B. Pearl Harbor 1941, Nordkorea Angriff 1950, iranische Geldkrise 1979, erster Irakkrieg 1991, 11. September 2001, Brexit 2016) in den Aktienmarkt eingestiegen wäre, hätte massive Gewinne mitgenommen.

 

Ansonsten bin ich nach wie vor ein Fan der guten Fundamentalanalyse, denn wer gute, unterbewertete Unternehmen im Aufwärtstrend kauft, muss sich langfristig wenig Sorgen um die konjunkturellen Wirkungen auf seine Aktien machen, da sie besser performen als der Gesamtmarkt und auch so manche Krise gut überstehen.