Diese blauen Bände vom Kapital stammen aus den 20er Jahren und im Zivildienst konnte ich sie vom vor dem Weg in die Müllverbrennungsanlage bewahren. Das Kapital ist das Hauptwerk des Philosophen Karl Marx und es beinhaltet eine präzise Analyse der wirtschaftlichen Verhältnisse im 19. Jahrhundert. Vieles davon ist heute noch aktuell, trotzdem schrecken die meisten vor den Werken von Marx zurück. Dies liegt zu einem an der vertrackten Sprache, die ein Konglomerat an eigenen Begriffen enthält und zum anderen an den Gräueltaten, die im Namen des Sozialismus geschehen sind. Hierzu ist nur kurz anzumerken, dass es noch nie einen Kommunismus gegeben hat, der den Vorstellungen von Marx entsprach. Vielmehr missbrauchten Regime seinen Namen, um eine repressive und menschenverachtende Systematik zu etablieren, aber dies ist eine andere Geschichte.

Im Kapital definiert Marx zwei wesentliche Kapitalsorten (Kapital= Dinge, die für eine Vermehrung des Geldes sorgen). Die erste Kapitalsorte ist das variable Kapital, welches aus Arbeitern besteht. Nur sie können einen realen Mehrwert entstehen lassen, denn dieser basiert grundsätzlich aus Arbeit. Demgegenüber steht das konstante Kapital, welches aus Maschinen besteht.

Hieraus entsteht eine der wichtigsten Grundannahmen von Marx:
Je mehr konstantes Kapital eine Firma besitzt, umso höher ist die Profitrate (=Gewinnspanne) der Firma, denn sie spart Kosten. Anstatt Maschinen können auch digitale Programme (Automatisierung) die Kosten senken. (Ich erfinde hiermit das digitale Kapital, welches sich genauso verhält wie das konstante.)

Neomarxisten haben die neue Kategorie des fiktiven Kapitals aufgemacht, welche das Finanzkapital bezeichnet. Die Finanzwirtschaft dominiert die Realwirtschaft durch weitaus höhere Geldströme. Hier lässt sich die erste Grundannahme auf die Börse übertragen:
Umso Kapital aus fiktiven Kapital entsteht, umso entstehen Blasen und Crashs im Wirtschaftssystem, denn Geld aus fiktivem Kapital hat keinen Mehrwert. Nur kurzfristig kann sich der Kapitalmarkt von echtem Markt entfernen, langfristig gleichen sie sich an (weshalb Blasen immer wieder platzen). Deswegen solltest du deine Kursgewinne immer durch Teilverkäufe und Stopp-Loss-Marken absichern.

Weltweit führt die Übermacht von digitalem, konstantem und fiktivem Kapital zum tendenziellen Fall der globalen Profitrate, denn die Mehrwerterzeugung sinkt durch die zunehmende Irrelevanz von Arbeitern und Arbeit im Allgemeinen. Nachweisen lässt sich diese Entwicklung an den immer geringeren Zuwachsraten des BIPs der meisten Länder.

Dies klingt alles sehr kompliziert, ist aber leicht zu erklären. Früher wurde z. B. sehr viel Geld mit Zeitungsanzeigen umgesetzt. Diese hatten eine Redaktion, einen Grafikdesigner, Menschen, die Werbeanzeigen aufnahmen etc. Heute wird ein Großteil der Anzeigen digital geschaltet, was viele Angestellte überflüssig macht und weltweit zu weniger Gewinnen führt. Ein anderes Beispiel ist die Dating App Tinder, sie wurde von sehr wenigen Leuten in kurzer Zeit entwickelt und mittlerweile ist sie Millionen wert. Profit hat sich also zunehmend von der Arbeit und den Arbeitern entkoppelt, weshalb immer weniger echter Mehrwert geschaffen wird. Einige riesige Unternehmen wie Facebook, Alphabet (Google) oder Amazon werden von digitalen Trends profitieren. Durch eine Übermacht schaffen es solche Unternehmen immer mehr Kapital bei sich zu konzentrieren. Wenn sie dann noch kleinere Unternehmen übernehmen, zentralisiert sich das Geld immer mehr bei ihnen und den Ländern, aus denen sie stammen.

Dies ist nur ein kleiner Einblick in ein überaus komplexes und lesenswertes Werk.

Jetzt komme ich zu der Gretchenfrage. Was kann ich als Investor daraus lernen?
Verzichte zunehmend auf Index-Fonds und MSCI-World-ETFs, denn langfristig wird die weltweite Profitrate sinken. Investiere stattdessen in die Firmen, die viel Geld akkumulieren, weshalb sich bei ihnen immer mehr Kapital ansammelt (also konzentriert und zentralisiert). Dies sind momentan Firmen, die durch Digitalisierung und Automatisierung anderen Firmen helfen, ihre Profitrate zu erhöhen, da diese Prozesse Mitarbeiter einsparen und somit Kosten senken.

Große Firmen, die in den Sektoren etabliert sind und immer mehr Geld anhäufen sind z. B. Nvidia, Amazon, Alphabet und Facebook.

Kleinere Sieger dieser Tendenz sind z. B. Dialog Semiconductor, die Computerchips herstellen oder Softing, die sich auf die Automatisierung von Arbeitsprozessen spezialisiert haben.

Verlierer sind Firmen, die nicht mit der Zeit gehen und vieles von Hand erledigen lassen. Sie schaffen zwar mehr Mehrwert, aber ihre Profite werden mit den digitalen Blue Chips nicht mithalten können.